Claudia Lanteri - Die Insel und die Zeit
Nofriu, von allen Nonò genannt, ist dreizehn, als vor der Insel Linosa, bei Lampedusa gelegen, ein Schiff kentert. An Bord waren die fünfköpfige Familie Domoculta, der Skipper Surico, sowie dessen Frau Dalila. Diese wird tot "auf einem Holzkahn gefunden", Surico hat unverletzt überlebt. Von allen anderen fehlt jede Spur. Dieses Unglück, das sich 1954 ereignete, beschäftigt und verfolgt Nonò ein Leben lang.
Zunächst sorgt es auf der kleinen Insel, auf der wenig geschieht, für große Aufregung. Die hat Nonò gerade sowieso, denn er wurde von Edoardo Dalmasso, einem Wissenschaftler, der die Insel erforscht und katalogisiert, zum Gehilfen ernannt. Das macht Nonò unglaublich stolz, aber er hat ja schließlich die sechste Klasse zweimal absol-viert. Für eine weiterführende Schule fehlt der Familie das Geld. Der Vater, ein Schwammfischer, ist ein meist schlecht gelaunter Mann, der seinen Frust an seiner Frau Angelina auslässt. Diese pariert jedoch nach Kräften und trägt mit ihrer Tätigkeit bei den Carabinieri zum Einkommen bei.
Sie putzt und kümmert sich um die Kaserne, was ihr eine herausgehobene Stellung im Dorf verleiht.
Dalmasso bringt Nonò auf die Spur, dass Surico ein Mörder sein könnte. Dessen Version des Schiffbruchs ist in seinen Augen unlogisch, zumindest sei der Skipper ein Lügner.
Nonò lauscht in der Kaserne, er verfolgt und beobachtet Surico, sucht hier und da nach Hinweisen.
Seine Beweiskette löst sich (zunächst) in Luft auf, als die Nachricht eintrifft, ein siebenjähriges Mädchen, das in einem Schlauchboot saß, sei gerettet worden. Vier Tage nach dem Unglück.
Das Mädchen ist Mattia Domoculta. Sie ist völlig erschöpft, spricht kein Wort. Tagelang. Als sie Surico sieht, wirft sie
sich sofort in seine Arme. "Wegen ihr wurde er von allen Verdächtigungen freigesprochen."
Mattia wird Angelina übergeben, sie soll sich um sie kümmern, bis man Angehörige gefunden hat. Man geht davon aus, dass in ihrer Familie neben den drei Söhnen
Platz für ein weiteres Kind ist.
Nonò fühlt sich als großer Bruder, er liebt sie und er hasst sie. Zu ihm war die Mutter nie so zärtlich, Mattia zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Aber bald legt sich die Begeiste-rung der Mutter und das Dorf verliert nach und nach das Interesse an den Geschehnissen.
Nicht so Nonò. Er will wissen, was passiert ist. Und er will die Toten finden.
Die Geschichte von Surico und Mattia und ihrer Familie wird noch einige Wendungen nehmen. Diese erzählt Claudia Lanteri voller Fabulierfreude, voller Fantasie, mit ungewöhn-lichen Vergleichen wie "sie stößt Seufzer und Grunzer aus wie ein Topf mit gesprungenem Deckel".
Sie versteht sich auch auf stimmungsvolle Naturbeschrei-bungen:
"Wenn das Wasser in die Felslöcher brandet, trägt der Wind winzige salzige Wassertropfen heran, Spritzer füllen die Luft, trocknen auf Gesichtern, Leinenhemden und Hügeln, die sie gierig aufsaugen, und verbrennen Feldkräuter und Frühlingsblumen vor der Zeit. Nur die Klippenblumen verbrennen nicht, klammern sich an das bisschen Erde und zeigen ihr leuchtendes Rot, das sich wie Seeanemonen vom Schwarz und vom Himmelblau abhebt."
Kern des Romans, dessen Ton im Verlauf der Geschichte immer zarter und nachdenklicher wird, ist die Auseinander-setzung mit Erinnerungen.
Wie verhalten sie sich zur `Wahrheit´? Wie verändert sich eine Geschichte, wenn sie wieder und wieder erzählt wird?
"Nach und nach entfernt sich die Vergangenheit, die Ähnlichkeit zwischen Erinnerung und Wahrheit schwindet. Nur schwerlich kommt man an sie heran, wie ein erschöpfter Hund, der einen Hasen jagt: Man glaubt, man hat sie gleich, und sie entwischt."
Oder:
"... schon ist es Abend geworden, der längste Moment des Tages. Zu dieser Stunde verschwimmen die Dinge in der Erinnerung, die Lebenden und die Toten, ganz gleich, wie oft ich wieder von vorn anfange, von ihnen zu erzählen."
Und:
"Das Erfundene gibt der Unordnung Gestalt, sonst wird man verrückt, verliert sich darin, die losen Fäden der Erinnerung zu verfolgen: Bessert man das Handlungsgeflecht aus, unterscheidet sich das, was in der Vergangenheit geschehen ist, nicht so sehr von dem, was nicht geschehen ist."
Das ganz Besondere an diesem Roman ist der sehr freie Umgang mit der Zeit, der sich aus dem Nachdenken über das komplexe Thema Erinnerungen ergibt. Nonò erzählt seine Geschichte im Rückblick einer Signora ("unter uns gesagt, Signora, ... wenn Sie fünf Minuten übrighaben ...").
Er ist mittlerweile ein alter Mann, der alleine im Haus seiner Eltern lebt. Diese sind seit Jahren tot, sie leben nur noch in Nonòs Erinnerung.
Mitten im Bericht des Dreizehnjährigen von den Ereignissen im Jahr 1954 spricht er davon, dass er das Grab der Toten Dalila jahrelang gepflegt habe. Mitten in ein Gespräch mit Edoardo fügt er ein, dass die Bilder der gestorbenen Kinder nie "aufhörten, mich zu quälen". Er erzählt dem neuen Maresciallo, dass er Surico am Nachmittag vom Boot seines Vaters habe steigen sehen, dieser "erklärte mir freundlich, dass mein Vater vor nunmehr zehn Jahren von uns gegangen sei". Kurz nach der Beerdigung Tinas, der Barbesitzerin, sitzt er mit ihr auf einem Mäuerchen und unterhält sich mit ihr. Nach einem langen Tag in der Natur mit Mattia sagt er: "Ich schaute in der Küche vorbei, ob meine Mutter da war, doch sie war schon seit einer ganzen Weile tot. Ich nahm nur ein paar Kekse, die sie am Morgen gebacken hatte, und brachte sie Mattia".
Das alles sind Echos aus der Vergangenheit.
Diese Beispiele ließen sich fortsetzen. Sie alle zeigen eines: Nonò lebt in einer ewigen Gegenwart.
Meer, Sonne und Wind scheinen den Verlauf der Zeit, wie man ihn kennt, hinweggefegt zu haben. Auf dieser kleinen Insel im Mittelmeer regieren nicht Uhren und Kalender,
hier vergeht die Zeit anders. Zumindest für Nonò, vielleicht erzählt man sich deshalb irgendwann, der sei verrückt.
Wie Blitze schießen Reflektionen aus der Vergangenheit in seine Gegenwart, Fehlendes wird ergänzt, verschiedene Ebenen von Erinnerungen lagern sich übereinander.
`Geschichte´ lässt sich anlehnen an `das Geschichtete´.
Claudia Lanteri schichtet in ihrer luftig-weiten Geschichte so viele Ebenen aufeinander und ineinander, dass eine traumhafte Atmosphäre entsteht. In diese zusammen mit Nonò einzutauchen ist pure Lesefreude.
Claudia Lanteri: Die Insel und die Zeit
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
folio Verlag, 2025, 349 Seiten
(Originalausgabe 2024)
Gute Literatur
Meine Empfehlung