Katriona O´Sullivan - Working Class Girl
Aufstieg einer Frau von ganz unten
Diese Autobiographie der 1977 in Coventry geborenen, später in Irland lebenden Autorin öffnet die Augen der Leser:innen in mancherlei Hinsicht. Beeindruckend ist der "Aufstieg einer Frau von ganz unten" allemal, die Geschichte Katriona O´Sullivans zeigt jedoch an einem konkreten Leben, wie verheerend sich Armut auswirkt. Angesichts heutiger Sparprogramme wird deutlich, wie mörderisch sie sind.
O´Sullivan beginnt ihre Geschichte mit einem Blick auf ihren Vater: "Niemand zählte für ihn, und das war schon immer so gewesen. ... Er lebte für seine Sucht, Zigaretten, Heroin, Alkohol, Frauen - alle diese Süchte, genau das war mein Dad."
Er hatte sie "Misstrauen, Argwohn und Hass" gelehrt, aber er war auch derjenige gewesen, der ihr "eine Liebe zum Wissen" beigebracht hatte, der sang und fröhlich sein konnte, der ihren Sohn zu sich nahm und Katriona "die Freiheit zu studieren" ließ.
Ein sehr zweischneidiges Erbe also, die Erkenntnis, wie wichtig im positiven Sinn er für die Entwicklung seiner Tochter war, konnte sie jedoch erst im Rückblick erkennen.
Da ihre Mutter ebenfalls entweder Alkohol- oder Heroin-abhängig war, fühlte Katriona sich schon als Kind für die Eltern und die Geschwister verantwortlich, eine schwere Aufgabe für ein Kind. Die fünf Geschwister wuchsen in erschreckend desolaten Verhältnissen auf. Weder gab es regelmäßige Mahlzeiten, noch wurde ein Mindestmaß an Sauberkeit eingehalten, vor allem aber gab es absolut keine Sicherheit. Und keine Liebe. Die Kinder hatten keine Chance, ihr Selbstwertgefühl zu entwickeln.
Unter diesem Mangel leidet Katriona O´Sullivan noch in dem Moment, in dem sie ihre Doktorurkunde in Psychologie am Trinity College entgegennimmt. Sie fühlt sich wie eine "Hochstaplerin", und das, obwohl sie Bestnoten hat, für die sie hart arbeitete.
Doch noch immer tönen Worte, die sie als Kind zu hören bekam, in ihrem Kopf:
"Hosenpisserin, Stinkig. Dreckschlampe. Dumme Nutte. Großmaul. Teenie-Mutter. Abstauberin. Verschwenderin. Ordinär. Bitch. Schnepfe. Doof. Doof. Doof."
Katriona war schon auf dem Weg, die Geschichte ihrer Eltern zu wiederholen. Schwanger mit fünfzehn, Partys, Alkohol, Drogen, Diebstähle. Da sie nie etwas anderes kennen gelernt hatte, war eine Sozialwohnung, staatliche Unterstützung und ein kleiner Zuverdienst das einzig realistische Ziel.
Der Zufall führte sie auf einen anderen Weg, doch nur durch das Eingreifen diverser Menschen, vor allem Lehrer und Sozialarbeiter, ließ sie die Chance dieser Zufälle überhaupt erkennen.
Eine Grundschullehrerin brachte ihr bei, wie man sich wäscht. Sie brachte ihr Seife, Handtuch und frische Wäsche. Ein Lehrer gab ihr Lesestoff, er kam zu ihnen nach Hause und sagte ihren Eltern, Katriona habe das Zeug, zum College zu gehen. Im Jugendzentrum fand sie offene Ohren bei einem Sozialarbeiter und erfuhr keine Ablehnung oder Verurtei-lung. Das passierte ihr nicht häufig.
Diese Hilfestellungen waren viel mehr als praktischer Art: sie vermittelten dem Kind und der Heranwachsenden, dass sie nicht nur arm war, sondern auch wertvoll. Dass sie es wert war, gemocht zu werden.
Die Zweifel, die immer wieder aufkamen, hätten sie beinahe die Prüfung zum Vorbereitungskurs am College versäumen lassen, doch eine verantwortungsvolle Mitarbeiterin dort schaffte es, Katriona zurückzubringen. Beinahe hätte ein Rückfall in alte Gewohnheiten (Partys, Männer etc) kurz vor weiteren wichtigen Prüfungen ihren Weg nach oben unterbrochen, wieder wurde sie zur Rückkehr bewegt.
Wohlwollende Menschen, solche, die sich nicht herab neigen, um dem armen Mädchen aus der Unterschicht zu helfen und dafür Wohlverhalten erwarten, sind es, die Katriona neben ihrer harten Arbeit während des Studiums nach oben führen. Diesen Menschen ist sie unendlich dankbar.
Diesen, und den staatlichen Förderprogrammen, ohne die sie bei allem Wohlwollen nicht hätte studieren können. Und die als erste gestrichen wurden, als öffentliche Gelder eingespart werden mussten.
Katriona O ´Sullivan erzählt ihre Geschichte ohne Groll gegen einzelne Personen. Mit Ausnahme des Mannes, der sie als Sechsjährige vergewaltigte. Aber sie schreibt offen und ehrlich über die Missachtung, die ihr so häufig entgegen-schlug. Von den Sanitätern, die ihren Vater abholten, als er wie tot im Bett lag, und deutlich machten, dass es sich nicht lohnt, für so einen tätig zu werden. Von den Zuständen im Heim für `junge Mütter´, das wie ein Gefängnis geführt wurde. Von den Mitstudent:innen, die sie für die Putzfrau hielten und deutlich machten, dass sie nicht ans College gehört. Nicht als Studentin, nicht als Lehrkraft.
Sie findet klare Worte für das Versagen der Gesellschaft:
"Ich bin mir bewusst, dass meine Eltern uns im großen Stil im Stich gelassen haben. Sie tragen die Verantwortung dafür. Selbstverständlich. Aber auch die Welt um uns herum hat uns im Stich gelassen, und irgendwie ist das noch schlimmer. Meine Eltern waren drogenabhängig, und deshalb versank alles im Chaos. Aber die Leute um uns herum - die Polizei, die Lehrer und Sozialarbeiter - waren nicht vertrauenswür-dig. Sie stellten uns in eine Ecke und schüchterten uns ein."
Sie schreibt über das Verhältnis der Geschwister unterein-ander, über Freundinnen, über die Männer, mit denen sie zusammen war. Dass sie sich nie die "netten" aussuchte, weil sie sich nicht für wertvoll genug hielt, einen netten Freund zu haben.
Und immer wieder über den Zustand ihrer Eltern, die phasenweise clean und trocken waren, dann wieder anfingen zu trinken. Sie geht den Ursachen für Sucht nach:
"Meiner Meinung nach ist Sucht eine Kombination aus Familiengeschichte, Trauma, Biologie, sozialem Druck und gesellschaftlicher Verurteilung. Sucht wird von einem tiefen Bedürfnis getrieben - nicht nach der Substanz, sondern dem Bedürfnis, dem Schmerz des Traumas und den Folgen von Armut zu entfliehen. ... Wir könnten diesen Teufelskreis durchbrechen, indem wir aufhören, sie zu verurteilen, und die Ursachen von Sucht politisch angehen."
Ein Thema neben den Ursachen für Sucht sind die Auswir-kungen von Armut, die die Autorin anhand ihrer eigenen Geschichte vor Augen führt:
"Aber `arm´ zu sein, war für mich auch ein Gefühl von Wert-losigkeit. Armut bedeutete auch intellektuelle Armut, Armut an Anreizen, Armut an Sicherheit, an Beziehungen. Arm zu sein entscheidet darüber wie man sich wahrnimmt, wie viel Vertrauen man hat, wie man sich sprachlich ausdrückt, welche Sicht auf die Welt man hat und wie man träumt."
Katriona O´Sullivan schreibt über ihre Erfahrungen, Ängste und Gefühle als Kind von drogensüchtigen Eltern, als Teenie, Studentin und sogenannte "junge Mutter".
Sie benennt aber auch glasklar die gesellschaftlichen Umstände, die ihr Leben mitbestimmten und die ganz konkreten Auswirkungen der Politik auf ihre Möglichkeiten. Diese doppelte Perspektive verleiht ihrem Memoir seine Wucht und zeigt ein Leben hinter der Statistik.
Und es zeigt, wie tief die Klassengesellschaft verwurzelt ist (das beschränkt sich nicht auf Großbritannien, die Codes für Zugehörigkeit oder Außenseitertum existieren überall):
dass ein working class girl den Weg nach oben schafft, ist ein Glücksfall, eine "Erfolgsstory", eine seltene Ausnahme, die die Regel sein sollte.
Katriona O´Sullivan: Working Class Girl - Aufstieg einer Frau von ganz unten
Aus dem Englischen von Sylvia Spatz
Kjona Verlag, 2025, 256 Seiten
(Originalausgabe 2023)
Gute Literatur
Meine Empfehlung