Arthur Rimbaud - Das trunkene Schiff
In der Nachdichtung von Paul Zech, mit Zeichnungen von Max P. Häring
Eines der wichtigsten Gedichte der Französischen Literatur in einer eigenwilligen Nachdichtung, dazu drei Texte des Schriftstellers Hans Therre, der Essay "Rimbaud" von Stefan Zweig und zwölf Federzeich-nungen von Max P. Häring in einer fadengebundenen, bibliophilen und limitierten Ausgabe - ein feineres Schmankerl für die Liebhaber besonderer Bücher kann es kaum geben.
Das Cover stimmt ein auf die Art der Illustrationen:
die gestochen scharfe Abbildung einer Wasser- oder Uferlandschaft in Blautönen. Blätter und kleine Fische - nicht immer ist auszumachen, ob die kleinen Wesen das eine oder das andere sind, tummeln sich am Rand eines tiefen Strudels. Auf der Rückseite des Buches gesellen sich weitere Tiere dazu, aber auch graffittiartige Symbole. Alles ist bewegt und lebendig.
Ebenso bewegt sind die Illustrationen in Schwarz-Weiß, die das Gedicht Rimbauds begleiten, vertiefen, interpretieren.
"Das trunkene Schiff" erzählt von seiner Fahrt durch die Flüsse zum Meer:
"Ich ließ mich zehn Nächte lang willenlos hetzen,
vom grünen Gebrüll der Wogen umknallt.
Rasend vorübergedrehte Inselfetzen
kochten die Brandung herauf zu Lawinen geballt."
Das Schiff erlebt die Gewalt der Natur, aber auch "Lotos ... vom bitteren Scharlach der Liebe beschienen ..." - hier scheint das Schiff eine Pause auf einer üppig bewachsenen Insel zu machen. Doch der nächste Abgrund wartet schon.
Der Himmel spiegelt die Ereignisse auf der Erde, eine Schar Vögel-Vogelfische-in-der-Luft-trudelnde-Gebilde ballt sich hoch über dem Land zusammen.
Zum Schluss ein ziemlich mitgenommenes Schiff. Aber es ist nicht im Meer versunken.
Das Gedicht endet halb versöhnlich:
"Es gibt in Europa nur eines noch, das mich erschüttert:
der Tümpel, auf dem in der Abendglut
ein Knabe mit seinem Schiffchen herumspielt
und frohgemut
den Hunger vergisst
und die Fischkinder füttert..."
Der Geist des Gedichts lässt sich in diesen kurzen Zitaten weder einfangen noch darstellen. Sie sind kleine Proben, um den Ton der Nachdichtung anklingen zu lassen.
Stefan Zweig geht in seinem Essay auf das Leben und Werk, auf die geistige Haltung, die Freiheit und Ungebundenheit des Dichters ein. Er feiert den Unvergleichlichen:
"Diese innere Freiheit, dieses in Leben und Dichtung gleich impulsive sich-losgelöst-Haben von allen hemmenden Begriffen ist die innerste Bedingung seiner Größe. Dazu tritt nun eine einzigartige Befähigung, die halluzinative Kraft seiner Anschauung, oder besser: seiner Einfühlung..."
Die Texte Hans Therres sind von anderer Art. Auch sie nehmen ihren Ausgangspunkt in Leben und Werk, suchen darüber hinaus nach dem innersten Kreis oder Punkt in Rimauds eigenwilligem Verständnis von Sprache und Poesie. Therre reflektiert die Wirkung dieser Poesie auf sich selbst und verortet sie auch körperlich:
"wenn ich vom schreibtisch und seinem künstlich erleuchteten sehradius, an und in dem ich sitze, um zu sagen, wie ich rimbaud wahrnehme, auf- und hinausblicke, ist draußen ein dunkel, dass ich mit den zähnen knirsche, eine nacht, die mir schläge versetzt, weil sich mein körper offen zeigt & einfälle unbekannter art ihn merkwürdig verschieben & verrücken - und wenn auch draßen noch ein paar omnibusse kleine lichtwunden ins Dunkle schnitzen, sitze ich & wünsche mir geSCHLITZte augen, um diese nacht zu zerschneiden ... keine SEHER=augen sind diese geschlitzten augen, ich wünsche nichts zu sehen: das war damals, als ich noch einen körper hatte, der mit der einen, grenzenlosen und leuchtenden wunde des dursts geschlagen war, damals war sehen noch nicht unmöglich geworden..."
Dieser Gedankenstrom trägt die Überschrift "Poesie / Revolte / Sex - Zündsätzliches zu Rimbauds Poesie", in einem anderen, "Rimbaud, der Wanderer", steht die Bewegung im Mittelpunkt, der dritte ist ein Gedicht mit dem Titel "Wenn".
In alles verschränkt er eigenes Denken, Fühlen, Spiegeln, Weiterdenken, Antworten, Fortspinnen, Ausufern mit den Tiefen und Untiefen des Rimbaudschen Werkes.
Schmal ist das Büchlein, grandios ist es!
Arthur Rimabaud: Das trunkene Schiff
In der Nachdichtung von Paul Zech
Mit einem Text von Stefan Zweig
Drei Texten zu Rimbaud von Hans Therre
und Zeichnungen von Max P. Häring
edition hibana, 2023, 76 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung