Teréz Rudnóy - Der Tag, an dem sie freikamen

Lulu, die Heldin dieses Romans, ist eine von achthundert Frauen, die "aus Furcht vor den vorrückenden Alliier-ten" ostwärts "durchs Deutsche Reich getrieben" wurde. Weg von der nieder-ländischen Grenze, in der Osternacht des Jahres 1945. Kaum achtundvierzig Stunden umfasst die Geschichte, in der aus Zwangsarbeiterinnen freie Frauen werden.

 

Der Roman beginnt mit diesem "Todesmarsch in geordneten Fünferreihen unter strenger Bewachung." Die Frauen sind völlig erschöpft, unterernährt, eine Pause dauert nicht länger als fünf Minuten. Und dann muss Lulu auch noch "Pferd spielen": sie wird zusammen mit einer anderen Frau als Ersatz für ein ausgefallenes Pferd vor einen Wagen gespannt. Barbara überlebt diese mörderische Anstrengung nicht, Etel, Lulus älteste Freundin, ungarische Jüdin, wie sie selbst, springt für sie ein.

 

Dass Menschen wie Tiere behandelt wurden, oft noch schlechter, ist bekannt. Aber die Art, wie Teréz Rudnóy diese Fahrt beschreibt, lässt einen immer wieder stocken. Sie fängt die Grausamkeit aller Befehlshabenden, einschließlich des Kutschers mit seiner Peitsche, äußerst präzise ein, so klar und ohne Pathos, dass die Szene in all ihrem Schrecken direkt in das Herz des Lesenden sticht.

 

Dieser akkurat beschreibende Stil zeichnet den Roman aus. 

Der Erzähler berichtet vom Angriff der Alliierten - "Donner folgt auf Donner, Kanonenschüsse, Flugzeuge in Schwär-men ...", dann löst sich in kürzester Zeit alles auf.

Die SS-Frauen fliehen, Bewohner eines Dorfes hängen weiße Laken zum Fenster hinaus.

"Kommt, ruft Lulu und reckt den Arm mit einem hellen Fetzen hoch, worauf wartet ihr? Begreift ihr nicht? Sie sind da, die Amis sind da!"

Die Frauen verstehen nicht sofort, dass sie "ihr Leben gewonnen haben. ... Das Leben ist zurück."

 

Plötzlich sind freundliche, amerikanische Soldaten überall. 

Lulu kommt ins Gespräch mit Lieutenant Sever, er bittet sie, die in Wien studiert hat und Deutsch sowie Englisch spricht, für ihn zu übersetzen. Auch Etel, die Französisch spricht, kann behilflich sein. 

Sie fahren in ein Lager, in das "Soldaten, SS-Verbände, Männer und Frauen, wie auch Zivilisten, die sie tatkräftig unterstützt haben", gebracht werden.

 

Hier steht Lulu vor eintausendfünfhundert Deutschen, jede und jeder Einzelne hat dazu beigetragen, die Juden Europas auszulöschen. Lulu übersetzt und spricht anschließend mit Sever über die Haltung der Amerikaner.

 

"Wir haben den Ozean nicht überquert, um Rache zu üben, sondern um dieses Land zu befreien."

"Auch wenn ich restlos alles wissen werde, was hier gesche-hen ist, werde ich meine humane Haltung nicht aufgeben."

 

Nach einem langen nächtlichen Gespräch bzw. einer Erzählung Lulus, weiß der Lieutenant deutlich mehr über das, was in Deutschland und Europa geschah.

Lulu erzählt ihre Geschichte, ausführlich, aber ohne Ab-schweifungen. Von ihrem Versteck in einem Keller, das sie verließ, um bei ihren Leuten zu sein. Dem Transport in überfüllten Waggons nach Auschwitz, ihrem Leben oder besser Nicht-Leben dort. Sie erzählt von all dem Unvorstell-baren, dem Barbarischen, dem, was Menschen imstande sind, anderen Menschen in einem Land, das sich zivilisiert nennt, anzutun.

 

Diese Erzählung ist nicht einfach ein weiterer Text über Auschwitz. In einfachen Worten, scheinbar leidenschaftslos, spricht Lulu von Menschen, die auf das bloße Funktionieren und Überleben reduziert wurden. Ihre persönliche Geschichte wird zu einer universellen, sie wird zu einer Darstellung des Menschen an sich. Dem, der die Macht hat, und dem, der ums Überleben kämpft. 

 

Kann man sich vorstellen, wie ein Mensch fühlt, der nun erlebt, wie gut die Gefangenen versorgt werden? Ist es möglich, als Dolmetscherin so etwas wie eine professionelle Distanz herzustellen, und das wenige Stunden nach der Befreiung? Die nun so devoten Nazis als ganz normale Gefangene zu betrachten, die, so der Glaube des Lieutenant, zu Demokraten erzogen werden können? 

 

"Wir lassen die Nazipropaganda, den Nazijargon nicht länger zu, sie werden eine rechtschaffene Berichterstattung erleben, andere Bücher lesen, andere Musik hören, andere Filme sehen. Sie werden den Wandel mitmachen müssen, wissen, was Rechtsgleichheit, was die Luft der Freiheit zu atmen bedeutet. So wie Sie jetzt die Luft atmen, Madame."

 

Aus freien Stücken geht Lulu in eine der Frauenbaracken, gekleidet wie eine Deutsche. Sie will herausfinden, ob dort eine Verschwörung geplant wird. Ja, Gerda hat schon einen detaillierten Plan entwickelt. Sie glaubt weiterhin, die "Welt führen" zu müssen, und sie von den Juden zu "reinigen, (sonst) fressen sie uns auf." Diese Gerda wird einige Stunden später zur Waffe greifen...

 

In diesen Teil des Romans ist auch die Geburt eines Kindes eingefügt. Lulu wird Zeugin dieses Ereignisses, sie gibt vor, einen Arzt zu holen, tut es aber nicht. Das Neugeborene stirbt, Lieutenant Sever wirft ihr später vor, einen Mord begangen zu haben.

 

In dieser Szene konzentriert sich der Roman, in dem das persönliche Erleben und der Schmerz Lulus und die moralische Haltung des Lieutenants zusammenprallen:

 

"In meinem Revier ... hatte der schöne Hans die Aufgabe, den Säugling gegen die Wand zu schleudern. ... Das musste so sein."

So Else, die in den Wehen liegt, zu Lulu. Diese sagt hernach zu Sever:

 

"Diese Deutsche sorgte dafür, diese Deutsche meldete es prompt und sah zu, wie die SS-Männer die winzigen Körper gegen die Wand schleuderten, zerschmetterten. Und lachten ... Ihr barbarisches Grölen habe ich noch im Ohr. Wie lange ist es her, glauben Sie, Sever? Keine Stunde. Keine Sekunde. Es ist da. Hier, in meinem Ohr. Im Ohr aller. Es dröhnt, es geht nicht weg, hört nicht auf. Bleibt für immer. Ich soll sie retten?"

 

"Es wäre Ihre Pflicht gewesen, ihr zu helfen. ... Hier haben nicht Sie Urteile zu fällen oder Strafgericht zu halten. Das ist nicht Ihre Sache, Lulu."

 

Muss man etwas erlebt haben, um es zu verstehen?

 

Teréz Rudnóy (geb. 1910) war eine der achthundert Zwangs-arbeiterinnen im KZ-Außenlager Lippstadt I, zuvor war sie in Auschwitz, wohin sie 1944 deportiert wurde und wo sie ihren Mann, ihre beiden Kinder und ihre Eltern verlor.

Sie verfasste ihren Roman unmittelbar nach der Befreiung, seine Veröffentlichung im Jahr 1947 erlebte sie nicht mehr, kurz zuvor war sie bei einem Bootsunfall tödlich verun-glückt. 

 

Über Ungarn, die Menschen, sagt Lulu:

"Dass sie sehnsüchtig auf unsere Rückkehr warten, kann man getrost ausschließen."

Auch der Roman wurde nicht gut aufgenommen. 

"Diese Schriftstellerin, die ursprünglich Teréz Löwy hieß, darf man im dank der Rassenschutzgesetze gereinigten Land nicht einmal lesen, da ihre Texte einen kranken, anstecken-den, die Seele tötenden Geist enthalten", so ein Kritiker in der Zeitung "Neues Ungarntum". 

Erst 2011 erfuhr der Roman eine Neuauflage, auf Deutsch kann er nun erstmals gelesen werden. Behutsam und fein übersetzt von Lacy Kornitzer, die auch das informative Nachwort verfasst hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

Teréz Rudnóy: Der Tag, an dem sie freikamen

Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Lacy Kornitzer

Weidle-Wallstein Verlag, 2025, 229 Seiten

(Originalausgabe 1947)