Islème Sassi - Von jenen, die jagen

Nichts ist, wie es scheint, in diesem Roman, der in einen fast verlassenen Bergdorf spielt. Nachdem seine Frau Lea bei einem Bergunfall ums Leben kam und sein Sohn Leander wenig später verschwand, gab Toni sein Kurhaus auf. Er war der einzige Arbeitgeber gewesen, die Schließung des Kurhauses nimmt den Dorfbewohnern die Lebensgrund-                                                lage.

 

Ins ehemalige Wohnhaus der Familie Tonis mietet sich Isabel ein. Sie will eine vierwöchige Auszeit nehmen, nachdenken, sich nach der Kündigung ihres Jobs und der Ungewissheit, wie es mit ihrer Ehe weitergehen soll, neu orientieren.

 

Sie ist sofort begeistert von der Lage des Hauses an einem klaren See, umgeben von Wiesen und Wald. Das Haus ist alt und einfach eingerichtet, aber es hat Atmosphäre.

Sie ist der erste Gast, seitdem Toni mit seiner Tochter Léanne in eine andere Bleibe zog. Hier waren die Erinnerungen zu stark, Lea und Leander schienen noch immer gegenwärtig.

 

Kaum ist Isabel angekommen, taucht Léanne, sie dürfte Anfang zwanzig sein, auf, und gesellt sich zu Isabel. Zwischen den beiden Frauen entsteht sehr schnell eine Vertrautheit, die sich zu einer intimen Beziehung entwickelt. Auch Toni übt eine erotische Anziehungskraft auf Isabel aus, doch er reagiert nicht auf ihre Avancen, zu tief sitzen die Trauer und die Schmerzen der Vergangenheit in ihm.

 

"Unser Dorf ist ... ein Geisterdorf", sagt Mara, die den kleinen Laden betreibt. Sie hat in mehr als einer Hinsicht recht. Es leben nicht nur kaum mehr Menschen hier, es geschehen sehr merkwürdige Dinge.

 

Eines Morgens hängt eine aus einem Stock gefertigte Puppe an Isabels Haustür. Léanne erklärt ihr, es sei ein "Toten-tröster". "Wir geben sie Frühverstorbenen mit ins Grab. Vor allem Kindern." Die Puppe könnte für Léannes Bruder, der nie gefunden wurde, sein. Aber warum hängt sie dann gerade jetzt an der Tür?

Wenig später wacht Isabel nachts auf und schaut hinaus:

"Auf der Wiese vor dem Haus brannten, in einem Kreuz angeordnet, mehrere Laternen." Laut Léanne ist es ein "Feuerkreuz für den Toten."

Eines Morgens hängt ein Herz am Türrahmen. Es könnte von einem Tier stammen - oder von einem Menschen.

Als Isabel dann eine grabförmige Grube im Garten entdeckt, ist klar, dass hier jemand Botschaften senden möchte. 

Aber wer? Und welche? Für wen sind sie gedacht?

Isabel ist zum ersten Mal hier und hat mit all den Gescheh-nissen und Geheimissen nichts zu tun.

 

Wollte man den Roman der 1984 geborenen Autorin auf die einfachste Ebene reduzieren, könnte man ihn einen Krimi nennen. Ein ungelöster Fall, mysteriöse Vorgänge, eine Frau, die wenig von sich preisgibt, aber viele Fragen stellt.

Doch so einfach ist es nicht. Denn sie stellt die richtigen Fragen, solche, die zwar mit Leanders Verschwinden zu tun haben, aber auf die komplizierten Verflechtungen im Dorf zielen. Die aufdecken, wie die Menschen zueinander stehen, wie sich in dieser kleinen Welt Lüge, Misstrauen und Verrat eingenistet haben. 

 

Niemand traut der Polizei, die im Fall Leander ermittelt hatte. Léanne glaubt nicht, dass sein Tod ein Unfall war. "Wenn er irgendwo abgestürzt wäre, hätten wir ihn gefunden. Nein. Jemand hat den Körper weggeschafft. ... Jemand weiß, was geschehen ist. Jemand von uns."

Andere sind sich sicher, dass es nur Oli, der behinderte Sohn Franziskas, der Wirtin der Dorfkneipe, gewesen sein kann. Einem solchen kann man nicht trauen, auch wenn er harmlos wirkt. Vielleicht weiß der Apother mehr als er sagt? Und dann stellt sich heraus, dass die Lehrerin eine Falsch-aussage machte. Jeder scheint etwas zu verbergen, die Seelen der Menschen sind nicht rein und klar wie der Himmel über den Bergen.

 

Je deutlicher Islème Sassi die Charaktere zeichnet, desto verwirrender wird die Gesamtsituation. Diese gegenläufige Bewegung sorgt für immense Spannung. Sie baut eine Welle an Fragen auf - ganz am Ende werden sie beantwortet.

 

Niemand ist plötzlich noch der, für den man ihn hielt. 

Auch Isabel nicht.

 

Das, was vor einigen Jahren passiert ist, kristallisiert sich in einer eigenwilligen Version Schneewittchens heraus. Oli erzählt sie Isabel, als diese ins Kurhaus einsteigt, und den Jungen dort findet. Ihr scheint, Leander erinnere ihn an jene Märchenfigur.

"Armes Schneewittchen ... Die Mutter hasste sie ... und der Vater konnte sie nicht beschützen. ... Der Jäger schnitt das Herz heraus ..."

 

Zu viele Jäger geistern durch Dorf und Wald, Opfer und Täter tauschen die Plätze. Nun ja, ganz so einfach ist es nicht.

 

"Da ist was. Etwas Bedrohliches, wie das Knurren eines Ungeheuers, das lange im Verborgenen geschlafen hat. Nun ist es erwacht, es streckt seine Glieder und stößt überall an. Es will raus, es will ans Licht."

 

Islème Sassi richtet ihren klaren Blick auf dieses Verschwie-gene, das es in jeder Gemeinschaft und in jedem Individuum gibt. Sie ent-wickelt es in ihrem gelungenen Debüt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Islème Sassi: Von jenen, die jagen

zeitkind verlag, 2025, 182 Seiten