Mattias Timander - Dein Wille wohnt in den Wäldern

"Ein Raufußbussard flog übers Moor und ließ sich wo nieder. Hatte Lemmin-ge und Wühlmäuse ausgespäht, und nun war er satt. Das Moor roch stark nach Wacholder und Sumpf.

Der Wolkenschleier droben hatte die steilen blauen Klippen und das Gebirge dahinter freigegeben, und man konnte Tages Boot auf dem See liegen sehen. Still war es, nur unten im Dorf hatte jemand, Fjällborg vielleicht, die Säge angeworfen - oder war es der Holzspalter."

 

Bussard, Berge, See, Holzverarbeitung. So beginnt der Roman, es klingt nach einer ländlichen Idylle. Gibt es eine solche, gab es sie je?

 

Der namenlose Ich-Erzähler dieses in Schweden spielenden Romans ist Anfang zwanzig. Er lebt alleine in einer Hütte, in die er bereits als Kind zusammen mit seinen Eltern kam. Damals nur an den Wochenenden. Nach dem Abitur und Tod der Eltern ist er hierher gezogen, damit ist er einer der wenigen jungen in einem Dorf alter Menschen.

Er hat immer zu tun. Holz machen, die Hütte sauber halten, auf der Küchenbank liegen und träumen, viel schlafen, kurz zum Einkauf in die Stadt fahren, "sie" in der Storstuga besuchen. So heißt ein anderes einfaches Haus, in dem eine alte Frau wohnt.

 

"Zur Storstuga ging man auch aus Pflichtgefühl. War ein Geben und Nehmen. Manchmal kaufte ich für sie ein, und dann das Holz. Dafür bot sei einem Kaffee an und was zu essen, den neuesten Klatsch bekam man auch zu hören, und dann wurde es still und man legte sich kurz auf die Küchen-bank. Es glich sich wie aus."

 

Auch sie hat keinen Namen. Diesen bekommt sie erst bei ihrer Beerdigung ganz am Ende der Geschichte.

 

Der Erzähler benutzt sowohl "ich" als auch das unpersönliche "man", wenn er von sich spricht. Sätze wie der letzte des obigen Zitats finden sich häufiger: es gibt ein scheinbar überflüssiges "wie", ohne grammatikalische Funktion.

 

Mattias Timander, geboren 1998 in Kiruna/Nordschweden, hat seinen Debütroman im nordschwedischen und tornedalischen Dialekt, sowie der Minderheitensprache Meänkieli verfasst. Ob die sprachlichen Besonderheiten aus diesen Ursprüngen rühren, vermag ich nicht zu sagen, sie sind jedoch ein Mittel, um die sich widerstrebenden Gefühle des jungen Helden darzustellen.

 

Ein weiteres sind abgebrochene Sätze, wie "Im Wasser wurden wir wie voneinander angezogen, als ob die Strömung." An diesen Stellen möchte er einfach nicht weiter-erzählen.

 

Der erste Teil des Buches spielt in besagtem kleinen Dorf weit im Norden. Drei Jahre lebt er nun hier und weiß nach wie vor nichts. Nichts über seine Vorfahren, außer, dass die Hütte ein Erbstück ist. Nichts über die Geschichte des Dorfes, und nichts darüber, warum ein Riss durch die Bevölkerung verläuft, obwohl doch quasi alle miteinander verwandt sind. 

 

"... seit wie lange man hier war und woher man eigentlich kam, war aber wie nicht rauszukriegen. Was war das nur, mit ausgerechnet diesem Dorf, dass man seine eigene Geschichte nicht so recht erzählen wollte? ... Manchmal bekam man fast das Gefühl, da wär irgendwas Geheimes, oder was, wofür man sich schämte."

 

Seine Idee, diese Geschichte irgendwann aufzuschreiben, d.h. sie erstmal herauszufinden, tritt in den Hintergrund, nachdem er ein Buch findet und in die Welt der Literatur abtaucht.

Um vollständig in ihr zu verschwinden, zieht er eines Tages  spontan in die Großstadt, er geht nach Stockholm. Ein wenig Geld hat er von seinen Eltern, das erleichtert den Start. 

 

Der zweite Teil des Romans widmet sich dieser Zeit, in der er zum "Bohemien" wird. Er liest wie verrückt, gerne in einem Café, in dem er unglaublich viel Zeit verbringt. Er raucht und trinkt, er streift durch Buchhandlungen und Antiquariate und lernt Vera Brandt kennen. Eine junge Schriftstellerin, die manisch pausenlos schreibt, ihm aber nie etwas zeigt. Zu ihr entwickelt sich eine komplizierte Beziehung, er weiß nicht recht, was das eigentlich ist, das sie da miteinander haben. 

Obwohl er keine Ausbildung im Zweig der Literatur hat, schreibt er für Zeitungen. Rezensionen, Interviews, Autoren-gespräche. Er nimmt an wichtigen Partys der Branche teil, die zunehmend hohl und aufgeblasen erscheint. Man schanzt sich Aufträge zu, findet den jungen Mann in der Fleecejacke aus dem Norden exotisch, eine echte Freund-schaft entwickelt sich aber zu niemandem, alle sind zu sehr mit sich selbst und ihrer Verwirklichung beschäftigt.

 

So schnell der Entschluss, nach Stockholm zu gehen, gefasst war, so spontan kehrt er ins Dorf zurück. Der Anlass war vielleicht Vera Brandt (er nennt sie immer bei vollem Namen), vielleicht der allgemeine Überdruss, vielleicht eine Art Heimweh, vielleicht der Anruf von "ihr" aus der Storstuga. Vielleicht auch die Erkenntnis: "Ich war nicht mehr ich selbst. Ich war was anderes."

 

Im Dorf muss er sich erst wieder zurecht finden. In diesem dritten und letzten Teil muss er mit Verlust und Trauer umgehen, er entwickelt ein neues Verhältnis zur Zeit. 

Er denkt wieder über die Geschichte des Dorfes nach, die Literatur aus der Stadt hat keine Bedeutung mehr für ihn,

sie passt nicht hierher. Er entwickelt eine "Verpflichtung" dem "Schicksal des Landes" gegenüber - nach seiner Zeit in der Großstadt, weiß er, wo er hingehört. 

 

Er kümmert sich um die sterbenskranke "sie". Bei ihrer Beerdigung sagt der Pfarrer zu ihm: "Nicht nur sie hat euch viel gegeben. Du hast ebenfalls gegeben."

 

Es scheint, als würde er bleiben wollen. Er ist nicht mehr der junge Mann, der er war, das Neue muss jedoch erst noch seinen Platz in ihm finden. Gehört er im Dorf dazu? Wird er je etwas über seine Herkunft erfahren? Wie wichtig ist es, die Wurzeln zu kennen? Wird er eine Sprache finden für all das, was so lange verschwiegen wurde?

 

Der Roman zeichnet ganz präzise das Lebensgefühl der heutigen Zeit, der jungen Menschen nach, die so viel Schweigen über die wichtigen Dinge geerbt haben. Die Spaltung in Dorf- und Stadtwelt mit Ruhe und Zusammen-gehörigkeit hier und Isolation dort wird nicht ganz aufge-hoben, aber in Frage gestellt. 

Im Dorf führt der Erzähler nach außen hin das Leben eines alten Mannes. Aber sein Geist ist hellwach, wurde wachge-rüttelt, in seinem Inneren arbeitet es:

 

"Ich phantasierte wie es wäre, wenn Duras dort unten im Moor stünde und mit mir diskutieren wollte, ob ich dazu Lust hätte. Wie es wäre, auf der Küchenbank der Storstuga mit Proust Kaffee zu trinken. In Gesellschaft von Flaubert mit Tages Boot zur Jagdhütte rauszufahren ...".

Aber auch:

"Die Birkenrinde war alle, und so nahm ich eins der alten Bücher, zerriss es und machte damit Feuer. Im Café der verlorenen Jugend. Patrick Modiano hätte hier mit mir sitzen können und zusehen, wie gut er brannte."

 

Er hat all die Bücher in sich aufgesaugt, nun wird es Zeit, sein eigenes zu schreiben. Vielleicht fängt er mit der Geschichte des Dorfes an.

 

 

 

 

 

 

 

Mattias Timander: Dein Wille wohnt in den Wäldern

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz

Allee Verlag, 2025, 192 Seiten

(Originalausgabe 2024)