Julia Weber - Weil ich Ruth bin

Dieser Roman ist wie ein langer Traum. Hell leuchtend und glänzend am An-fang, dann mischen sich dunklere Töne in das Bild. Am Ende bleibt zu hoffen, dass die be- und verzaubernde Ruth sich wie ein Phönix aus der Asche erheben wird. Sie beherrscht die Kunst, andere zu verwandeln, in ein Tier, eines, das am oder im Wasser lebt, zu-meist. Niemand kann ihr widerstehen. 

 

Als Ruth zur Welt kommt, ist ihr Körper vollständig von einem schwarzen Fell bedeckt. So war es bei ihrer Mutter und auch bei ihrer Großmutter. Es macht sie einzigartig, es schützt sie, und es macht sie zu einer Außenseiterin.

Lange Zeit lässt ihre Mutter sie nicht aus dem Haus, erst auf Ruths Bitten hin, darf sie die Wohnung verlassen, und mit anderen Kindern spielen.  Ihre erste Freundin im Kinder-garten ist Anna. "Was ist das, was du da hast?" Sie legt ihr Gesicht an Ruths Rücken, sagt: "Dein Fell ist nett zu mir..."

Als die Haare beginnen, auszufallen, ist Anna traurig." Doch Ruth sagt:  "Du weißt gar nicht, wie das ist. Ich habe jetzt ein Menschsein, dort, wo ich vor Kurzem noch Tier gewesen bin."

 

Ruth entwickelt sich zu einer wunderschönen jungen Frau. Alle Blicke folgen ihr, sie genießt das. "Ich bin Ruth", ruft sie frei heraus. Lu, die Ruth nicht mit Fell kennt, stellt kurz nach dem Kennenlernen eine wichtige Frage: "Vermisst du dein Fell?" Ruths Antwort: "Ich kann dich verwandeln, wenn du willst".

 

Ja, Ruth vermisst es, ihre Mutter ebenfalls. Doch ihre einzig-artige Fähigkeit, andere zu verwandeln, bleibt. Es wird ihre Lebensbestimmung. Als sie älter wird, auszieht und alleine in einer Dachwohnung lebt, bekommt sie Besuch von Männern und hauptsächlich von Frauen. Sie schmiegt sich an die Menschen, küsst sie, umschlingt sie, sie alle haben diesen Liebkosungen nichts entgegenzusetzten. Sie werden weich, sie werden flüssig, sie fühlen sich neu und verjüngt, wenn sie wieder zu Menschen werden.

 

Die Beziehung zu Lu ist und bleibt eine sehr innige. Sie über-dauert Lus kurze Liebelei mit ihrem Dozenten, sie über-dauert auch Ruths symbiotische Beziehung zu Linda, die eines Tages zusammen mit ihrem Kind bei ihr einzieht. Eine Weile wohnen sie zu viert, glücklich wie in einem Kokon, bis Linda sich immer mehr in sich selbst zurückzieht, nur noch aus dem Fenster schaut, und schließlich geht. Ganz geht.

 

Ruths Mutter zog sich ebenfalls mehr und mehr zurück, nachdem sie Pierre getroffen und sich für ein Leben mit ihm entschieden hat. Sie trifft irgendwann die Feststellung:

"Ich bin gerne so abhängig, wie ich bin."

Die Mutter ihres Jugendfreundes Toni ist ein geschlagenes Anhängsel ihres Mannes, der seinen Zorn auf die Welt auf seine Frau konzentriert. In ihm steckt ein Molch.

Karl, der Ehemann Lindas, der alles, was sie sagt, als Vorwurf empfindet, jede Aussage gegen sie wendet, sich unverstanden fühlt und in Selbstmitleid ertrinkt, ist ein weiterer Mann, der eines Tages komplett ausrastet.

Lus Dozent hat mit der jungen Studentin seine Eitelkeit befriedigt. Dafür wird er später sein Leben als Maus fristen....

 

Ruth steht für Empathie, Weichheit, Hingabe, Liebe. Sie verströmt sich, die Menschen fangen in ihrer Gegenwart an zu glitzern. Sie erleben eine nie gekannte Freiheit.

Ganz am Ende, als alles kippt, denkt Ruth:

 

"Und die Menschen im Haus sprechen nicht miteinander darüber, was ihnen jetzt fehlt, was ich ihnen gegeben habe. Sie sprechen nicht von dem starken Verlangen am Abend, am Morgen, noch im Bett liegend, im Treppenhaus nach oben zu gehen und nicht nach unten, nicht liegenzubleiben, hinauf zu mir zu kommen, Fisch sein, Schildkröte, Hummer, Krebs. Sie versuchen, nicht mehr daran zu denken, wie unglaublich groß dieses Hineingehen in diesen Raum und in die Verwandlung in meinen Armen war. Wie warm es sein konnte, und diese Freiheit, wie man sie in keinem Urlaub erlebe. Eine Freiheit, die nur damit zusammenhänge, weniger gewesen zu sein und in diesem Weniger aber irgend-wie mehr. Weniger Sorgen, weniger Zukunft, aufgebläht und am Ende der Tod. Und sie reden nicht darüber wie sie ihr Alter, ihr Geschlecht und ihre Herkunft verloren bei mir, wie sie ein Körper ohne Geschichte und Gewicht wurden, in meinen Armen liegend, die sie zu Tieren machten. Wie in ihnen Sommer wurde, wenn sie bei mir waren."

 

Ruth, deren magische Kräfte auch Gewitter aufziehen lassen können oder Bäche versiegen, gibt  mit vollen Händen. Nur so können die Menschen aus ihrem normalen Leben heraus-treten und eine andere Daseinsform annehmen. Vorüber-gehend. 

 

Die Sprache des Romans ist sehr sinnlich.

Menschen werden anhand ihres Duftes porträtiert, so riecht Annas Mutter nach "Palmen und Schinken", Lindas Kind riecht nach "Gestein, nach Berg, nach Fels und Leinkraut, nach Quellwasser", Tonis Vater sagt: "Wenn du hier bist, dann riecht es nach den Pfannkuchen meiner Kindheit, ... und es riecht nach der öligen Schreibtischunterlage ... vom Vater."

Ruth öffnet Türen und Tore in den Menschen. 

 

Die Vergleiche sind sehr bildlich:

"...sagte sie mit einer weichen, leblosen Stimme, wie ein überfahrender Hase am Straßenrand."

"Er sah mich an, ein Blick so schwer wie ein totes Reh."

"... alles an ihm ist Jahrmarkt, blinkt und scheppert und jauchzt."

"...ich bin der Stein am Grund des Ozeans, bin bewachsen, rau, und der Sand wird aufgewirbelt um uns ..."

 

Eine Erzählung innerhalb des Romans bilden kursiv gedruckte Passagen, die alle mit "Mein Vater" beginnen.

Einen leiblichen Vater hat sie nicht:

"Es gibt keinen, sagt sie (die Mutter). Ich habe dich ganz allein gemacht. Nur du in meinem Körper und du, die wächst. Es gibt keinen Vater. ... du bist ein Wunder Ruth. - Ich habe einen Vater, sage ich ..."

Er ist alles. Er ist der Wind, der schwarze Schatten, der Ruf der Elster, die Blicke der Kinder, die Betrachtung des Körpers, die Berührung der Haut, die Veränderung durch die Berührung und noch viel, viel mehr. 

Er ist immer eine Reflexion dessen, was Ruth zuvor erzählt hat, er ist eine kleine Pause, ein Atemholen, bevor sie weiter-spricht. Ihm gehören die letzten Worte/Gedanken des Romans:

 

"Mein Vater ist ein Wald. Im Wald ist es friedlich. Es gibt ein Summen und Surren, das Rauschen der Blätter und das Knacksen im Unterholz. Mein Vater hat große Füße, und er steht immer am richtigen Ort, weil er selbst richtig ist, weil der Ort richtig wird, sobald er dort steht. Er ist nie zu weit, nie zu nah, nie übersehen, nie ausgelassen, nie weggeschickt, nie ganz fort. Ich bin nicht allein, er ist hier, sitzt in der weißen Wand. Er ist stark, und er bestimmt, ob ich leben kann."

 

Die Geschichte von Ruth ist eine Geschichte der Sehnsucht, ist die Darstellung der Welt, wie sie sein könnte. Ohne Angst und Härte, mit Hingabe.

Mit Liebe und Freiheit, mit Phantasie und der Fähigkeit zu Offenheit und Verwandlung.

In Ruths Händen sind alle einfach nur Menschen. Die ganz große Liebe jedoch, schenkt sie den Frauen in ihrem Leben. Retten kann sie sie nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julia Weber: Weil ich Ruth bin

Limmat Verlag, 2025, 464 Seiten