Ruth Weber - B. und der König

Berta träumt davon, Lehrerin zu werden. Sie möchte einen Mann heiraten, der sie liebt und schätzt, sie möchte Kinder haben und sich um Haus und Garten kümmern. Mit Heirat und Haushalt wiche sie keinen Schritt vom vorgezeichneten Weg ab, aber Lehrerin werden, berufstätig sein? Das ist nicht vorgezeichnet in einem Leben, das 1908 begann.

 

Berta war nie ein unbeschwertes Kind wie ihre Schwester. Immer war es, als ob ein Schatten über ihr schwebe, immer war das Leben eine "ernste Angelegenheit" für sie.

Als sie mit der Schwester eine Bergwanderung unternahm, konnte sie freilich noch nicht wissen, dass dies einer der letzten schönen Tage war.

 

Wenig später schickte die Mutter sie mit einem Strauß Rosen zur Kirche, sie sollten den Altar zieren. Der Weg führte am Haus eines Bauern vorbei, der sie mit einem "Berta, komm her und hilf mir" zu sich hereinrief. Einen Knopf solle sie ihm annähen. "Dabei zeigte er auf seine braune Hose, die offen stand."

Ihr wird klar, was er will, rennt weg. Kurz darauf erwischt er sie und vergewaltigt sie in einer Scheune.

Berta kann sich niemandem anvertrauen, niemand hätte ihr geglaubt, auch die Mutter nicht. Auch dem Pfarrer kann sie es nicht beichten, von ihm wusste sie bereits, dass auch er sehr kräftige Hände hatte.

 

Am Sonntag spricht der Pfarrer über Sünde.

"Sie war sich sicher, dass die Worte des Pfarrers direkt an sie gerichtet waren. Sie war der sündige Mensch. Sie hatte es herausgefordert, sie, mit diesem Körper, der begann, die Formen einer Frau anzunehmen. Diesem Körper, der nicht zu ihr passte und der ihr fremd war. Es war ihre Schuld. Eine Schuld, von der sie niemand erlösen konnte." 

 

Kurze Zeit nach der Vergewaltigung wird Berta in die Stadt geschickt. Sie soll "in Stellung" gehen, wie es viele Mädchen in ihrem Alter machten, um die Führung eines Haushalts zu erlernen. 

Zwei Jahre verbringt sie in einem Arzthaushalt, dort lernt sie auch die Faszination der Literatur kennen. Es gibt eine große Bibliothek, sie darf sich Bücher ausleihen, nimmt sich ausgerechnet "Die Blumen des Bösen". 

 

Eindrücklich beschreibt Ruth Weber, wie sich in Berta die gelesenen Worte mit jenen des Katechismus, wie sich ihre Ängste und Zweifel mit den Inhalten des Buches vermischen, wie sich Wort und Wahn miteinander vermählen. 

Sie bekommt einen regelrechten Anfall, schreit, hört ihre Mutter schimpfen, glaubt, mit einem Messer die Sünde aus sich herausschneiden zu können. Eine Stimme sagt, "Du hast das Leben nicht verdient."

 

Berta hat sich noch nicht von diesem Erlebnis erholt, da wird sie per Brief nach Hause gerufen. Sie müsse in der Fabrik arbeiten und auch der Mutter zur Hand gehen.

Dabei hatte sie den Eltern gesagt, sie wolle Lehrerin werden. Aber auch hier nimmt sie wieder die Schuld auf sich, ihr ist klar, dass sie zu nichts zu gebrauchen ist.

 

Da vernimmt sie die Stimme der Großmutter: "Gib dich ganz dem Herrgott hin, schenk ihm dein Leben."

Ihren Eintritt ins Kloster empfindet sie als Erleichterung - sie ist ihrer Mutter entkommen - und als Schande zugleich: sie, die Lügnerin, die Sünderin, die Tochter, die die Mutter im Stich gelassen hat, soll eine Braut Christi werden? 

 

Das Leben im Kloster bringt keine Erleichterung. Zu tief sitzt die Vergangenheit in Berta, sie kann ihre Selbstverachtung nicht ablegen.

Auch, dass sie die Gedanken an Franz, den Nachbarsjungen, dessen Frau sie hatte werden wollen, nicht aufgeben kann, befeuern ihre Vorstellung, eine unrettbare Sünderin zu sein.

 

Das Schuldgefühl, das eigentlich ein Trauma ist, frisst sich tiefer und tiefer in Bertas Seele. So tief, dass sie anfängt, Stimmen zu hören, Wahnvorstellungen entwickelt, glaubt, dem Bösen anheimgefallen zu sein und den Teufel in sich zu tragen.

 

Minutiös und sehr beeindruckend zeichnet die Autorin den Weg Bertas in den religiösen Wahn nach, zeigt, wie die immer noch junge Frau sich zunehmend von der Welt und sich selbst entfernt, wie der imaginierte Teufel in ihr immer mehr Raum einnimmt.  

 

Trotzdem unternimmt sie einen letzten Versuch, ein Leben nach ihren Vorstellungen und in Freiheit führen zu können. Sie verlässt das Kloster, nimmt eine Stellung in einem Haus-halt in Basel an. Man behandelt sie freundlich, ist großzügig, hier, wie auch schon in ihrer ersten Anstellung, lieben sie die Kinder, sie weiß, mit ihnen umzugehen.

 

Aber die innere Stimme ist nicht zum Schweigen zu bringen. 

Ein unschöner Vorfall setzt ihrem Aufenthalt ein Ende.

Im Glauben, ihr zu helfen, befürwortet die Herrschaft, sie in eine Anstalt einweisen zu lassen. 

 

Dort enden die Träume nicht. Weder die von einem Leben nach eigenen Wünschen, nach Respekt und Liebe, noch die, "eine Dienerin (der) ewigen Macht" des Teufels zu sein.

 

Der Tod der Mutter war für Berta eine Erlösung gewesen. Eine Befreiung von ihrem richtenden Blick, ihrer schneiden-den Stimme. Die Mutter steht für die Gesellschaft mit ihren Erwartungen, für ihre Lieb- und Verständnislosigkeit. 

Das Kloster war ein Fluchtversuch, weg von der Mutter, hin zu einem heiteren Leben in der dienenden Gemeinschaft gläubiger Frauen. Keine dieser Erwartungen erfüllte sich.

 

Nichts ist so stark wie die Stimme des Teufels, die Erinnerung an die Hände des Pfarrers und den Körper des Bauern, an die Hilflosigkeit der jungen Frau, des Mädchens, das Wissen, dass man ihr nicht glauben würde, und die daraus erwachsene Gewissheit, kein Leben verdient zu haben.

.

Ruth Weber beschreibt die Geschichte eines verhinderten Lebens. Eines, das aus Mangel an Liebe und Eigenständig-keit, das von religiösen und gesellschaftlichen Zwängen vernichtet wurde. 

 

In ihrem Roman konzentriert sie sich ganz auf ihre Heldin Berta, auf die Zerstörung ihrer Person durch Schuldgefühle und Scham. Unweigerlich kommt einem der Satz Gisèle Pelicots "Die Scham muss die Seite wechseln" in den Sinn. 

 

Bertas Geschichte wurde inspiriert durch das Leben der J.Z., die 1908 in der Ostschweiz geboren wurde und 1974 nach längerem Aufenthalt in einer Anstalt in Basel verstarb.

Von ihr blieben ein Foto und einige Erinnerungen von Zeitgenossen. Ob sie wirklich eine Verwandte der Autorin war, wie der Auftakt des Romans nahe legt, sei dahingestellt. Wichtig ist es, diesen Frauen - Bertas Leben war kein Einzel-schicksal - eine Stimme und ein Andenken zu geben. 

 

Dies ist Ruth Weber mit ihrem kunstvoll komponierten Roman gelungen. Als Leser:in ist man von Anfang an im Bilde, weiß, dass Berta ihren letzten Lebensabschnitt in einer Anstalt verbringt, und kann sich so ganz auf ihren Weg dahin konzentrieren. Die Sprache ist so fein wie die Aussage klar, ein eindrückliches Buch!

 

 

 

 

 

 

 

Ruth Weber: B. und der König

Orte Verlag, 2025, 168 Seiten