Virginia Woolf - Ein Zimmer für sich allein
"A Room of One´s Own" aus dem Jahr 1928 ist längst ein Klassiker, nicht nur der feministischen Literatur. Jede:r kennt vermutlich den Titel, aber den Text? Der Essay ist eine weiträumige Bestandsaufnahme der Literatur und der gesellschaftlichen Situation am Ende der 1920er Jahre in England.
Ist Virginia Woolfs Analyse heute noch relevant?
Auf jeden Fall. Ihre zentralen Forderungen sind: eine jede Frau braucht, um schöpferisch tätig zu werden, einen eigenen Raum, in dem sie ungestört arbeiten kann.
Wie viele Frauen haben diesen? Wie viele Männer?
Jede Frau, die unabhängig denken und produzieren möchte, braucht im Jahr 500 Pfund - wieviel auch immer das heute sein mag. Sie braucht eine Summe, von der sie leben kann. Darin enthalten sind keine Ausgaben für Luxus, es handelt sich um einen Betrag, der den Grundbedarf deckt.
Wie viele Frauen verfügen über diesen alleine? Wie viele Männer?
Um diese Fragen zu beantworten, muss hier keine neue Studie herangezogen werden. Man weiß, dass es nicht viele Menschen sind, für die beide Voraussetzungen erfüllt werden.
Virginia Woolfs Essay handelt von der Möglichkeit, frei von Beschränkungen zu denken und zu schreiben, zu leben. Diese Freiheit kann nur erreicht werden, wenn die materielle Basis gesichert ist, wenn eine Frau auch dann das alleinige Recht über ihre Einkünfte hat, wenn sie verheiratet ist.
An den Anfang ihrer Überlegungen stellt Woolf die fiktive Schwester Shakespeares. Man stelle sich vor, sie war ebenso begabt, neugierig, mutig und entschloss sich, in jungen Jahren ihr Elternhaus zu verlassen und nach London zu gehen. Sie hätte keinen Zutritt zum Theater gehabt, sie hatte ja nicht einmal eine Schule besucht, sie wäre vermutlich von einem sogenannten Gönner geschwängert worden und hätte keinen anderen Ausweg gesehen, als sich das Leben zu nehmen.
Diese Situation bestand im 20. Jahrhundert nicht mehr. Einigen wenigen Frauen war es gelungen, zu schreiben, zu veröffentlichen. Letzteres häufig unter Pseudonym, um nicht gleich aussortiert zu werden.
Doch unter welchen Bedingungen, zu welchem Preis?
Sie schrieben heimlich, konnten nie `dran bleiben´, rannten weg, sobald die häusliche Pflicht rief. Kam heraus, dass der Autor eine Autorin war, folgte gesellschaftliche Ächtung.
Sie konnten nicht auf eine weibliche literarische Tradition zurückblicken, sich darauf stützen wie Männer. Und niemand, egal wie groß sein Genie ist, erschafft etwas aus dem Nichts heraus. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass wirklich große Literatur auch im 20. Jahrhundert noch immer hauptsächlich von Männern verfasst wird?
Warum das alles?
Es gab keine Colleges für Frauen. Ihnen fehlte die Ausbil-dung, das Handwerkszeug, das Wissen nicht nur in Geschichte und Philosophie. Frauen lebten in einer anderen Welt. In einer sehr beschränkten. Sie waren keine Heeres-führerinnen, keine Unternehmerinnen, keine Politikerinnen. Sie lebten im Haus, beschäftigten sich mit den Dingen, die in der gesellschaftlichen Achtung ganz weit unten standen, weil es sich um Selbstverständlichkeiten handelte.
Man müsse darüber nachdenken, "wie sich Armut auf den Geist auswirkt. Und wie Reichtum. Daran, wie unangenehm es ist, ausgeschlossen zu sein. Und dass eingeschlossen zu sein wahrscheinlich noch unangenehmer ist. ... außerdem (dachte ich) an die Sicherheit und den Wohlstand des einen Geschlechts und an die Armut und die Unsicherheit des an-deren Geschlechts ... , an die Wirkung von Tradition und von Mangel an Tradition auf den Geist derer, die schreiben ..."
Mit ihrem typischen Humor und großer Präzision sticht Virginia Woolf mitten hinein in all die Probleme, die ihr durch den Kopf gehen:
"Haben Sie auch nur die geringste Vorstellung, wie viele Bücher über Frauen innerhalb eines Jahres geschrieben werden? Und wie viele davon von Männern? Ist Ihnen bewusst, dass Sie das womöglich meistuntersuchte Tier der Welt sind?"
"Frauen haben seit all diesen Jahrhunderten als Zerrspiegel gedient, in denen die Gestalt des Mannes auf magische und erbauliche Weise in doppelter Lebensgröße erschienen war. ... Die Spiegelillusion ist von immenser Bedeutung - sie erneuert die Lebenskraft, stimuliert das Nervensystem."
"Ihre Erziehung (die der Männer) war in gewisser Weise genauso mangelhaft gewesen wie meine. Und hatte in ihnen ebenso große Schäden verursacht. Nun ja, sie besaßen Geld, sie besaßen Macht, doch nur um den Preis, dass sie in ihrer Brust einen Adler, einen Geier beherbergten, der ihnen auf ewig die Leber auspickte, ihnen auf ewig die Lungen zerriss: den Besitztrieb nämlich, die Gier nach mehr, die sie fortwährend nach anderer Leute Land und Gut lechzen lässt, die sie Grenzen und Flaggenmasten errichten, Kriegsschiffe und Giftgas herstellen (lässt) ..."
Ich finde diese Aussagen heute, im Jahr 2026, unglaublich aktuell.
Zurück zur Literatur. Eine Wende trat hier im 18. Jahrhundert ein. "Die Frau des Mittelstands begann zu schreiben." Warum?
Dies "gründete sich auf den handfesten Umstand, dass Frauen mit Schreiben Geld verdienen konnten. Geld adelt, was unbezahlt verwerflich ist."
Bitte im Hinterkopf behalten: das Geld bekam nicht die Frau, sondern war Eigentum ihres Mannes.
Was schrieb sie?
"Was nämlich die literarische Übung einer Frau im frühen
19. Jahrhundert angeht, so war diese nun einmal eine Übung in der Betrachtung von Charakteren, in der Analyse von Gefühlen. Ihre Aufmerksamkeit wurde seit Jahrhunderten in der gemeinsamen Wohnstube geschärft. Menschliche Emotionen waren ihr eingeprägt. Ständig hatte sie allerart Beziehungen vor Augen. Daher schrieb die Mittelstandsfrau, als sie zu Stift und Papier griff, Romane."
Auch, weil diese Form neu war, sich die Traditionen erst noch herausbilden mussten. In der Tragödie, in der Poesie, waren Frauen von der Tradition ausgeschlossen.
Ziel sollte sein, die Welt und Werte der männlichen Literatur durch die der Frauen zu ergänzen, nicht zu ersetzen:
"Wenn diese Verschmelzung stattfindet, ist das Denken am fruchtbarsten, genau dann nutzt es all seine Ressourcen."
Es ist "für alle Literaturverfassenden tödlich ..., an ihr Geschlecht zu denken. ... Denn alle derart bewusst einge-färbte Literatur ist des Todes. Sie ist steril."
Eine Feministin wendet sich gegen den Kampf der Geschlechter, der nur Wut und Bitterkeit produziert.
Schreiben Sie, was Sie schreiben wollen, bleiben Sie ehrlich, versuchen Sie nicht, jemanden zu beeinflussen. Schöpfen Sie aus der Fülle des menschlichen Geistes - das sind Virginia Woolfs Kernaussagen.
Doch bevor dies geschehen kann, müssen die Grundvoraus-setzungen stimmen. Man möge darüber nachdenken, was sich zwischen 1929, dem Erscheinungsjahr des Essays, und dem Jahr 2026 verändert hat.
Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein
Übersetzt von Harald Raykowski
dtv, 2021, 272 Seiten
Das Buch ist bei diversen Verlagen in vielen verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen erschienen
Gute Literatur
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