Harry Martinson - Aniara
Aniara ist ein Raumschiff mit acht-tausend Menschen an Bord. Sie sollen von der unbewohnbar gewordenen Erde auf den Mars gebracht werden, wie Millionen Menschen vor ihnen. Doch das Schiff gerät außer Kontrolle und trudelt mehr als zwanzig Jahre durch das All. Geschrieben Anfang der 1950er Jahre reflektieren die 103 Gesänge die jüngste Vergangenheit - Aniara steht für die Vergänglichkeit des Menschen und noch viel mehr für seine Verantwortung und Schuld. Wie geht er damit um?
Der Erzähler ist ein "Kosmosmatrose". Seit dreißig Jahren schwebt er durch den Weltraum, "immer hin und her zwischen Erdball und Tundrenglatze."
Es ist ein normaler Vorgang geworden, die Welt, die zuvor von den Menschen zerstört wurde, zu verlassen.
"Ein Eisschild legte sich über Europa,
...
Und alle Völker Europas
zogen samt ihrer technischen Perfektion nach Süden
und behaupteten sich eine Zeit lang, doch sanken dann
erkaltet in die Erstarrung der Barbarei."
Dieser Eiszeit folgt eine sengende Dürre:
"Von allen Seiten kam die Dürre,
...
Und da ist niemand, dem man die Schuld geben kann.
Die Verantwortlichen? Sind tot.
Die Strippenzieher? Sind zeitig geflohen."
Diese Zeilen lesen sich heute eindeutig politisch/historisch und zugleich prophetisch.
Großen Zauber entfalten die Gesänge in den Passagen, die von der Hoffnung und Qual der Menschen erzählen, vom Glauben und der Enttäuschung, von der Ermüdung und den Erinnerungen an eine glückliche Zeit auf der Erde.
Wie lebt man weiter, wenn sich Seelenleere ausbreitet?
Wenn kein Gott hilft? Wenn der Glaube an die Kraft der Sprache erodiert - "Aber es sind nur Worte, wie Wind"?
Die Kraft, die die Menschen weiterleben lässt, geht von der mysteriösen "Mima" aus. Sie wurde zur Hälfte von einem Mimateur erfunden und konstruiert, die andere Hälfte wurde von ihr selbst erschaffen, sie befindet sich "jenseits seiner Analyse". Sie entwickelt
"eine machtvolle Kraft ohne Überheblichkeit, eifrig und
korrekt,
eine geduldig Suchende, unbestechlich klar,
ein Wahrheitsfilter ohne blinde Flecken."
Sie wird als "heiliges Wesen verehrt", als "Göttin".
Doch sie stirbt, und mit ihr stirbt die Hoffnung vollends.
Teilweise kann Isagel, die Pilotin des Schiffes, ihre Rolle übernehmen, doch über Mimas Kräfte verfügt sie nicht.
Mima ist "eine perfekte Demonstration der ganzen Schöpfung".
Im Vorwort schreibt Harry Martinson, den ich von unver-gleichlich schönen Naturbeschreibungen kenne (Schwärmer und Schnaken), sie sei "die große Registrierende und Reproduzierende von allem Flüchtigen und Vergänglichen ... daher repräsentiert sie auch das Gedächtnis, die unstillbare Sehnsucht, die Weltelegie, aber ebenso die Geschichte, die Schuld."
Mit ihrem Tod löst sich alles, was der Mensch jenseits des Körpers ist, auf.
Sehr feinfühlig begibt sich Martinson, der Nomade und Unruhegeist, hinein in die Tiefe des Alls und der Menschen-seele und er lässt auch hier die Natur noch einmal erstrahlen im schönsten Glanz - bevor sie von Menschen getötet wurde:
"Und sie beschrieben die große Verschwendung des
Herbstes:
all das Gold, in das Grab des Sommers geworfen.
Wie bei einem bunten Begräbnis
war der grelle Pomp, erzählte man sich,
eine Fülle von gelbem und rotem Tuch
und goldenen Bannern aus Ispahan."
Er, der Erzähler, weiß um die Verantwortung:
"Wir kamen von der Erde, Doris´ Land,
dem Kleinod in unserem Sonnensystem,
die einzige Sphäre, die Leben spendete,
ein Land aus Milch und Honig.
Beschreib ruhig die Landschaften, wie es sie dort gab,
die Tage, wie sie dort anbrachen.
Beschreibe den Mann, wie er glanzvoll
das Leichentuch seiner Familie bestickte,
bis Gott und Satan Hand in Hand
in einem zerstörten, vergifteten Land
über Berge und Hügel flohen
vor dem Menschen: dem König der Asche."
Ganz deutlich historisch wird Martinson an diversen Stellen:
"In dunkle Gruben verfrachtet man jenen Menschenschlag,
der gebraucht und verbraucht wird wie Vieh,
bis die Aussortierten weggetrieben werden
zu den Kammern bei Ygol."
Die Vergangenheit ist dunkel, die Zukunft (vollends nach Mimas Tod) ebenfalls.
Lässt sich mit einer Farbpalette, die zwischen dunkelschwarz und hellschwarz changiert, ein strahlend helles Bild malen?
Dieses Kunststück gelingt Harry Martinson. Der Inhalt des Buches erschüttert, verstört, öffnet den Blick ins Nichts.
Der Stil ist vollendete Harmonie und Schönheit.
"Grausam ist das All und gleicht darin uns Menschen.
Nein, wir Menschen übertreffen es sicher.
Die Trostlosigkeit des irdenen Gefängnisses
wölbt ihre steinerne Zelle um die Menschenseele,
im Inneren hört man die kalten Steine stumm antworten:
Hier regiert der Mensch. Dies ist die Aniara."
"Aniara" reflektiert auch Martinsons von Höhen und Tiefen gezeichnetes Leben und die Ereignisse der Zeit. Geboren 1904, war mit sieben Jahren bereits ein "Verdingkind". Als Pflegling der Gemeinde wurde er auf Bauernhöfen einquar-tiert, dort war er nichts anderes als eine billige Arbeitskraft. Mit sechzehn heuerte er als Matrose an, sieben Jahre später kehrte er nach Schweden zurück. Er ließ sich in einem Dorf nahe Stockholm nieder und begann zu schreiben, mit Erfolg. Er avancierte zu einen äußerst beliebten Schriftsteller mit hohen Auflagen. Nach dem Krieg beschäftigte er sich zunehmend mit der Schöpfung und dem Kosmos, er wurde zum Buddhisten. Die Zuerkennung des Nobelpreises 1974 war hoch umstritten, wie auch Teile seines Werkes. 1978 setzte Harry Martinson seinem Leben ein Ende.
Harry Martinson: Aniara
Aus dem Schwedischen von Lena Mareen Bruns
Nachwort von Alex Schulman
Guggolz Verlag, 2025, 179 Seiten
(Originalausgabe 1956)
Gute Literatur
Meine Empfehlung