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Zwischen den Jahren

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Annelies Beck (Text) & Hanneke Siemensma (Illustration): Gedanken denken

Nora hat viele Fragen, alle drehen sich darum, wie das mit den Gedanken und dem Denken funktioniert. Sind Gedanken immer da? Können sie verschwinden? Kann man sie wollen und festhalten? Die Antworten sind präzise, durch die feinen und ruhigen Illustrationen werden sie griffig und lebendig. Schön ist auch, dass darauf hingewiesen wird, dass aus Denken Tun werden kann, hier hilft ein Gedanke der nachdenklichen Nora über sich hinauszuwachsen. Das spielerisch-leichte Buch nimmt die junge Fragestellerin ernst und führt tief in ein komplexes Thema ein.

Für alle Leser:innen ab vier Jahren ein Gedicht!

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DEZEMBER 2023

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Dincer Gücyeter:

Unser Deutschlandmärchen

Der Debütroman des Lyrikers Dincer Gücyeter ist ein Zwiegespräch zwischen Mutter und Sohn - für mich der erste, der eine türkische Einwan-derin in den Mittelpunkt stellt, ihr eine eigene Stimme verleiht. Fatma kam 1965 nach Deutschland, ihr Leben wurde von der Arbeit bestimmt, von der Pflicht, die Schulden ihres Mannes abzubezahlen, niemals aufzugeben, für ihre Söhne da zu sein. Dass der Älteste ans Theater gehen und Schreiben wollte, war ein Schock, hatte sie ihn doch zu einem richtigen Mann machen wollen. In seinem vielfältigen, vielstimmigen, poetischen Roman, in dem die Grenzen zwischen Biografie und Fiktion fließend sind, erzählt der Autor von Lebenswegen, Verletzungen, und von der unbändigen Kraft der Suche und Phantasie.

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Thomas Oláh: Doppler

Ein Autounfall, den der junge Erzähler als einziger überlebt, katapultiert ihn ins "Exil": zu den Großeltern in ein österreichisches Dorf, das vom Wein lebt. In jeder Hinsicht. Er muss sich arrangieren mit einer Familie der lachenden Tanten, grausamen Onkels, enthusiastischen Cousins... Diese Welt der 1970er Jahre besteht aus Gewalt, Alkohol, Stillstand, katholischer Kirche - von all dem erzählt der Roman jedoch so urkomisch, so doppelbödig, witzig und skurril, dass es ist ein großes Vergnügen ist, in diesen Sumpf einzutauchen.

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Ralph Roger Glöckler: 

Der König in seinem Käfig

Von Macht und Selbstermächtigung, von Unterdrückung, Revolte und Träumen handelt dieser Roman, dessen Heldin Anna ist. Anfang dreißig, Ziehtochter des Präsidenten, gefangen in einem Leben, das sie nicht selbst gewählt hat, kommt sie plötzlich in Kontakt mit Daniel, dem Traumdeuter des Präsidenten. Sie fängt an zu verstehen, in was für einem Land sie lebt, fragt sich, wie sie sich verhalten soll. Ralph Roger Glöckler stellt den inneren Konflikt Annas schlüssig dar, noch deutlicher wird das System Diktatur, das er von allen erdenklichen Seiten detailliert, sprach- und bildgewaltig beleuchtet. 

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Nina Jäckle: Verschlungen

Von einem "unumgänglichen Wir" handelt dieser Roman, von eineiigen Zwillingen, die in einer engen Symbiose miteinander leben - bis zum unerklärlichen Verschwinden der dominanten Ewa mit Mitte fünfzig. Zwei Jahre nach diesem Ereignis lebt die Ich-Erzählerin alleine in einem Waldhaus, denkt über ihr Leben nach, liest in alten, heimlich geführten Notizbüchern und stellt die Fragen: Was ist gegeben, vorgegeben? Wie gelingt es, eine eigene Lebensmelodie zu komponieren?  Kann eigens Handeln das Unausweichliche verhindern? Fragen, die durch die Konstellation der durch die Geburt als zwei Hälften eines Paares definierten Menschen auf die Spitze getrieben werden. Die Autorin hat in ihren Romanen eine eigene Melodie gefunden, sie übt einen starken Sog aus und zieht die Leser:innen direkt hinein in diesen langen, um existenzielle Fragen kreisenden Monolog.

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Valentina Mira: X

Auf einer Party nach dem Abitur wird Valentina von G. vergewaltigt. Dies, und die Tatsache, dass ihr Bruder Andrea ihr nicht glaubt, dass ihm die Freundschaft zu G. wichtiger ist, er sich dessen Faschistengruppe anschließt und verschwindet, veranlasst Valentina dazu, Briefe an Andrea zu schreiben, und so das jahrelange Schweigen zu brechen. In ihrem Briefroman erzählt sie ihre persönliche Geschichte, die sie jedoch zu einer Auseinandersetzung mit dem Patriarchat, dem Kapitalismus und der strukturellen Gewalt entwickelt. Ohne Pathos, sehr klar und dezidiert, ihre Wut nicht verschweigend, erschafft Valentina Mira eine überzeugende Heldin in einem klug komponierten Roman, den man nicht mit dem letzten Satz beiseite legen kann. 

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